Es kommt ein Schiff: Schicksale der Schifffahrt (legendarisches Erzählen, Lied, Predigt)
Abstract
Der Beitrag geht von spezifisch christlichen Funktionen des ›Erzählkerns‹ der gefährlichen Schifffahrt aus. Am Beispiel der Nikolauslegende in der Legenda aurea und im Passional sowie in Der Heiligen Leben wird herausgearbeitet, wie dieser Erzählkern dazu dienen kann, das Verhältnis von Providenz und Kontingenz zu reflektieren, den Heiligen als Mittlerfigur zu inszenieren und ein Gnadengeschehen zu verdeutlichen. In diesem Sinne beobachtbare Tendenzen zur Entdramatisierung der gefährlichen Schifffahrt werden in dem Lied Es kommt ein Schiff, geladen auf die Spitze getrieben. In der Fassung, die sich in einer Handschrift aus dem Dominikanerinnenkloster St. Nikolaus in undis findet, wird hierfür ein komplexes allegorisches Geschehen grundgelegt, das indes offenlässt, wie das Schiff aufzufassen sei. Unter Rekurs auf Taulers Predigt V41 Ascendit Jhesus in naviculam que erat Symonis kann herausgearbeitet werden, dass das Schiff sowohl (im weihnachtlichen Kontext) Maria als auch (im brautmystischen Zusammenhang) die Seele bedeutet. Der Schiffbruch des menschlichen Selbst wird so zur Voraussetzung für eine gegenüber den Stürmen der Welt sichere und ruhige Schifffahrt.
Schlagwörter
Dominikanerinnen, hl. Nikolaus, Tauler, Weihnachten, Gottesgeburt in der Seele